Unsere kleine Stadt
 
Das Stück

«Unsere kleine Stadt» erzählt die Geschichte der Nachbarskinder Emily Webb und George Gibbs. Im ersten Akt werden die alltäglichen Vorrichtungen der Nachbarsfamilien wie Kochen, Essen, Gartenarbeit, Schulbesuch und Baseballspiel gezeigt, im zweiten, drei Jahre später, die Hochzeit der beiden, und im dritten Akt das Begräbnis Emilys, die bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben ist. Emily bekommt die Genehmigung, für einen einzigen Tag auf die Erde zurückzukehren, und erlebt ihren zwölften Geburtstag noch einmal. Betroffen kehrt sie in den Kreis der Toten zurück, als sie erkennt, was Wilder als den Sinn des Lebens ansieht, nämlich «in der Trivialität unseres täglichen Daseins jene Würde zu finden, die dem Menschen angesichts der ungeheuren Spanne von Raum und Zeit, in der wir leben müssen, genommen zu werden scheint».
 

Wilder bricht in seinem Stück, für das er seinen zweiten Pulizer-Preis erhielt, mit gewohnten Theatertraditionen. Er begründet diesen Schritt kurz vor der Premiere in einem langen Artikel in der «New York Times». Die Figuren sind zwar geschminkt, haben aber keine Requisiten zur Verfügung und stellen die meisten Handlungen nur pantomimisch dar. Am effektivsten wird der Abstand, der vom Zuschauer verlangt wird, durch ein Mittel des epischen Theaters erreicht: die Figur des Spielleiters. Er informiert das Publikum, spielt ab und zu Nebenrollen, unterbricht den Szenenablauf, greift schliesslich selbst in das Schicksal der Hauptpersonen ein und erklärt den Zuschauern die exemplarische Aussage und Allgemeingültigkeit des Gezeigten. Gerade durch die präzise Angabe von Ort und Zeit wird die «kleine Stadt» zum Abbild der Ereignisse im Leben jedes Menschen an jedem Ort, das Einzelschicksal zum Symbol für das Menschenleben an sich. Der radikale Anti-Illusionismus des epischen Theaters, den Wilder vor allem durch die Beschäftigung mit ostasiatischen Darstellungsformen entwickelt hat, führte anfangs zu grosser Verwirrung bei den Zuschauern, dann jedoch zum weltweiten Erfolg des Schauspiels. Die Begeisterung für Wilder in Deutschland erreichte ihren Höhepunkt mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1957. 

     
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